So verschaffen Sie sich gewaltfrei Respekt
Wie Ihr Hund mit der ihm angeborenen natürlichen Aggression im Alltag umgeht, das liegt allein an Ihnen. Wenn er Sie respektiert, geht das problemlos. Wenn nicht, müssen Sie ihm beweisen, dass Sie das Sagen haben.
Erziehung des Hundes
Hunde sind keine „Schleichjäger“ wie Katzen. Sie sind „Laufjäger“: Hunde zeigen sich, ausführlich und in voller Größe, und erst in dem Moment, in dem das Gegenüber Reißaus nimmt, nehmen sie es als „Beute“ an und jagen ihm hetzend hinterher. Hunde sind aber auch Rudeltiere: Sie leben, fressen, jagen im Rudel. Und deshalb wirft jeder Hund, ehe er zur Hetzjagd aufbricht, immer noch einen schnellen Blick auf den Kumpan neben sich. Das aber heißt: Jeder Hundehalter KÖNNTE den Angriff seines Hundes meist noch im letzten Moment stoppen ... wenn er mit aufpasste, wenn er schnell genug reagierte ...
Hund reagiert auf das Verhalten des Besitzers
Hunde sind keine Einzelgänger. Sie sind Rudelwesen, Mitmacher. Hunde passen sich an. Ist der Herr die Freundlichkeit in Person, dann wird auch – mit der Zeit – sein Hund ein richtiges „Herzchen“. Macht der Herr aber aus jeder Mücke einen Elefanten, dann wird auch sein Hund auf jede Kleinigkeit reagieren. Ist allerdings der Herr trotz Anwesenheit meist irgendwie abwesend, dann bleibt dem Mitmacher Hund nur eins: Er muss aus seiner Sicht selbst für Ordnung sorgen, er muss sich selbst „durchbeißen“... Und je mehr Erfolg er damit hat, desto leichter fällt ihm das. Dann stehen Herrchen/Frauchen hilflos da und rufen: „Das hat er doch nie gemacht!“ Hunde sind Laufjäger: Sie können beißen. Hunde sind aber auch anpassungsfähige, lernbereite Rudeltiere. Das heißt: Sie können lernen, nicht zu beißen. Sie lernen das allerdings nur, wenn ihr Mensch das mit ihnen vom ersten Tag an übt, wenn der Rudelchef Mensch dem Rudelkumpan Hund täglich neu klarmacht: „Hier wird nicht gebissen!!!“ Doch gerade bei dieser, eigentlich einfachen Erziehung zum Nicht-Beißen werden gerade heute immer wieder vor allem drei Fehler gemacht.
Der Welpe lernt, sich durchzubeißen
Fehler Nr. 1: Man sagt: „Aggression ist natürlich. Sie kommt in der Natur immer und überall vor: als Beutemachen, Revierverteidigung, Rivalenabwehr. Also: Lasst doch die Hunde laufen/raufen! Das ist Natur pur!“ Und dann lernt der Junghund schon im Junghundrudel, dass Rücksichtnahme was für Schwächlinge ist, dass der Starke sich durchsetzt ...
Fehler Nr. 2: Man sagt das Gegenteil: „Aggression ist etwas In-sich-Böses, ganz Gefährliches.“ Man schreckt schon vor dem ersten Knurrer zurück, und nach dem zweiten Schnapper hat man Angst vor dem eigenen Hund. Man bricht die Erziehung abrupt ab, und nach wenigen Monaten hat man dann wirklich einen Hund, vor dem es jedem angst und bange wird ...
Fehler Nr. 3: Man sagt: „Aggressionen sind irgendwie kindisch und geben sich von selbst.“ Der „Kleine“ ist ja noch klein, der „Neue“ ja noch neu. Er meint das ja nicht so ... und meistens ist er ja ganz lieb ... So lange, bis er das erste Mal „wirklich böse“ wird ... Ja, Aggression ist „natürlich“: Jeder noch so umgängliche Mensch, Hund, Kater wehrt sich irgendwann. Aber: Der Umgang mit der Aggression wird gelernt. Von Kindesbeinen an.
Fördern Sie die Aggression nicht durch Spiele
Und deshalb: Dulden Sie vom ersten Tage an keine wilden Raufereien, keine Aufreitspiele: Wenn Ihr Neuer oder Kleiner jeden anderen Neuen oder Kleinen immerzu umwerfen will, wenn er auf jedem Kind, auf jedem Besucherbein aufreitet, dann gehen Sie dazwischen und verbieten ihm das. Dominanz (= Selbstbewusstsein) hat nichts mit Unterwerfung und Aggression zu tun. Im Gegenteil: Ein selbstbewusster Hund hat solche „Kinderspiele“ nicht nötig!
Ruhige Gegendominanz ist die beste Antwort
Beantworten Sie jede kleinste Aufmüpfigkeit, jede Mini-Aggression sofort: Aber nicht mit Gewalt und Aufregung, sondern mit ruhiger, sachlicher Gegendominanz: Knurrt er Sie beim Fressen an, dann bekommt er ab sofort sein Fressen nur noch direkt aus Ihrer Hand. Schnappt er nach Ihnen oder irgendjemandem, schnappen Sie sofort zurück, mit dem grummelnden Schnauzengriff von oben, den er von seiner Mutter kennt. Will er Ihren Lieblingssessel nicht sofort räumen, dann machen Sie ihm Beine, zur Not mit einer Wasserpistole. Zieht er draußen an der Leine, hört er nicht auf „Komm“ oder „Aus“, dann zeigen Sie ihm täglich mehrmals zu Hause Ihre Überlegenheit. Sie beginnen und beenden jeden Kontakt, jedes Spiel, nach Ihrem Geschmack, nicht nach seinem. Sie verteilen Streicheleinheiten, Zuwendung und Leckerli, so wie es Ihnen passt.
Der Hund sieht, was Sie fühlen
Achten Sie auf Ihre Körpersprache: Hängende Arme, Kopf zwischen den Schultern sagen (nicht nur Ihrem Hund): „Er/sie ist gar nicht da.“ Gerades Kreuz, erhobene Schnuppernase sagen: „Er/sie hat alles im Blick.“ Üben Sie, sobald es Kompetenzschwierigkeiten gibt, erst einmal den „aufrechten Gang“. Nicht nur Ihr Verhältnis zu Ihrem Hund, auch Sie selber können davon nur profitieren. Sollten Sie trotzdem mal wieder das Gefühl bekommen: „Mein Hund ist stärker, entschlossener, stärker als ich“, lassen Sie ihn das nicht merken: Lassen Sie sich NIE auf dumme Rangeleien ein. Tun Sie, wenn Sie sich im Moment nicht durchsetzen können oder wollen, einfach so, als hätten Sie überhaupt nichts gesehen. Aber warten Sie selbstbewusst auf Ihre nächste Chance: Sie kommt bestimmt.
Fremden Hunden gegenüber können (und sollten!) Sie im Konfliktfall (und im eigenen Interesse) immer signalisieren: „Ich tu ja nichts, ich bin ganz brav.“ Dem eigenen Hund sollten Sie das nie sagen. NIE: Ein Hund, der gelernt hat, dass „der Rudelchef“ zurückschreckt, wenn er sich nur richtig ins Zeug legt, der MUSS daraus den Schluss ziehen: „Mein Chef ist kein Chef, und ehe hier alles den Bach runtergeht, übernehme ich die Verantwortung.“ Ob so ein „Regierungswechsel” auf Dauer für alle gut ist oder nicht, das hängt dann einzig vom Charakter des Hundes ab ... Empfehlenswert ist es nicht. Natürlich ist Aggression „natürlich“. Aber: Unsere Umwelt ist schon lange nicht mehr „natürlich“. Und genauso wie Kinder lernen müssen, mit Nachbars Kind, Katze, Waldi, Auto und Garten umzugehen, genauso müssen Hunde das lernen. Keine Sorge ... Hunde können das! (Text: Gudrun Beckmann)










