Können Hunde strategisch denken?

Ein „kluger Mensch denkt", ehe er handelt. Denken ist also so etwas wie „Probehandeln". Tiere, so sagt man, denken nicht, sondern „reagieren" nur, sie handeln im Moment und „instinktiv", aber nie nach Plan ... Wirklich nicht?

So schlau sind unsere Vierbeiner

 Unser Boxer Lulu hatte sich eine Kartonsammlung angelegt, und wann immer es ihm in den Sinn kam, zog er los, holte sich einen Karton und präsentierte ihn stolz dem staunendem Publikum. Seine Sammlung draußen auf der Terrasse hatte in Wind und Wetter schon arg gelitten. Aber er hütete sie wie seinen Augapfel und duldete nicht, dass irgendein anderer Hund daran auch nur herumschnüffelte.

Statussymbol Pappkarton

Eines Tages nun saß die ganze Familie auf der Terrasse, der alte Lulu schlafend zu Füßen der Hausherrin. Da kam Duki, der Hovawart-Jungspund, nahm sich einen Karton und präsentierte ihn stolz dem Rudel. Aus tiefsten Träumen hochgerissen, sprang Lulu auf, und alle hielten den Atem an ... Aber – „der Alte“ stürzte sich nicht auf „den Sünder“. Er versteinerte, verharrte zwei Sekunden, drei Sekunden, dann drehte er ab und verschwand im Haus. Und wenig später hörten wir es weit weg rumpeln. Das Rumpeln kam näher und näher. Und da stand er: Lulu, der Unschlagbare. Und er präsentierte einen Karton, der war nicht nur funkelnagelneu, der war so groß, dass man den Hund dahinter kaum mehr sah, so sperrig, dass der Boxer ihn nur mit Mühe hochhalten konnte ... Duki aber, der Jungspund, ging und legte still und leise seinen Karton wieder zur Seite ...

Er wusste genau, was er tat

Was war das? Alles nur Reaktion auf Hier und Jetzt, ohne jede Vorstellung, jeden Plan, jede Einsicht, jedes Probehandeln im Kopf? Es wäre so einfach gewesen, dem Jungrüden den Karton abzujagen, noch unterwarf sich der große Jungrüde dem kleineren „Alten“. Und sekundenlang sah es auch so aus, als würde Lulu ganz instinktiv ganz genauso reagieren. Doch er griff nicht an. Er ließ „Sünder“ und Karton stehen, ging los, durchs Haus, die Kellertreppe hinunter, durch den Keller, öffnete die schwere Eisentür zur Rumpelkammer, in der ich „meine“ Kartons aufhob, suchte sich den größten aus und bugsierte den um alle Ecken, die enge Treppe wieder hinauf bis nach draußen: „Seht her! Mein Karton ist viel schöner, viel größer als seiner!“

Hunde denken und planen durchaus

Seit ich Zeuge dieser „Aktion“ wurde, glaube ich nicht mehr, dass Denken, Planen, Einsicht „rein menschliche Fähigkeiten“ sind: Lulu MUSS sich „etwas gedacht“ haben, als er plötzlich vor dem aufmüpfigen Junghund-Riesen stand. Er muss eine Wahrnehmung (der Jungrüde ist zwar frech, aber auch groß) mit einer Erinnerung verknüpft haben (im Keller gibt es noch viel imposantere Kartons). Er muss einen Plan gehabt haben (wie man an die drankommt) und eine Vorstellung (wie man mit diesen Kartons noch viel mehr imponieren kann). Und er muss in den kurzen Sekunden des Probehandelns, Denkens zu der Einsicht gekommen sein, dass eine zwar umständliche, aber gezielte „Gegendemonstration“ in diesem Fall „klüger“ war als ein schnelle, aber riskante Keilerei mit dem inzwischen 20 kg schwereren Jungrüden. Und auch Duki, der sein Leben lang eher ein „Instinktbündel“ als eine „Intelligenzbestie“ war, zeigte nach dieser Demonstration Lernfähigkeit und Einsicht: Nein, er imitierte den „Alten“ nicht einfach und legte sich eine eigene Kartonsammlung an. Er legte sich eine Stöckchensammlung zu und hütete sie ...

Fakt ist, dass Tiere denken können

Seit der amerikanische Biologe D.R. Griffin 1984 dargestellt hat, „wie Tiere denken“, ist es auch unter reinen Naturwissenschaftlern üblich geworden, wenigstens einigen (den „intelligenteren“) Tieren so etwas wie „kognitive Fähigkeiten“ zuzugestehen, also eine Art von verstandesmäßigem Erkennen, Lernen, Abwägen, Urteilen, Denken. Und man weiß inzwischen sogar, woran mensch erkennt, wann hund „denkt“: am hundlichen Verhalten. Der Hund hat irgendetwas vor, stutzt, verharrt und macht dann etwas ganz anderes ... Heute sagt man also nicht mehr: „Der Mensch ist das einzige Wesen, das ...“, man sagt: „Es gibt große Unterschiede, aber die sind nicht grundsätzlich, sondern nur graduell.“ Und der größte Unterschied zwischen Mensch und Hund, das ist wohl die typisch menschliche Frage: „Warum?“ Hunde können auch von dem, was ihr Partner tut, überrascht sein (weil sie etwas anderes erwarteten). Sie können dann deutlich über ihren Partner den Kopf schütteln, ihn sogar „handgreiflich“ kritisieren (weil er sich aus ihrer Sicht „ausgesprochen dumm“ verhält). Aber: „Warum?“, fragen sie nie ... Warum? Weil sie uns und unsere Welt – trotz Kritik ab und zu – so akzeptieren, wie wir sind. Und das ist ja wohl auch das Geheimnis der uralten Mensch-Hund-Beziehungskiste: Hunde reden, fragen, kritisieren. Aber eine Begründung, eine Rechtfertigung für unser Verhalten, das verlangen sie von uns nicht. (Text: Gudrun Beckmann)

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