Reagieren Hunde auf das Verhalten des Menschen?

Hunde beobachten und analysieren das Verhalten des Menschen. Das haben Experimente, die am Max-Planck-Institut in Leipzig durchgeführt wurden, eindrucksvoll bewiesen.

Sie wissen, wie wir sie sehen

Am Max-Planck-Institut in Leipzig machte man die Probe aufs Exempel: Man holte sechs Hunde ins Institut und machte mit jedem achtmal dasselbe Experiment: Man legte mit dem strengen Befehl „Nein“ einen verbotenen Leckerbissen auf den Boden und filmte, was sie dann taten: Sah der Mensch den Hund direkt an, holte sich jeder Hund im Schnitt einmal und auf komplizierten Schleichwegen einen verbotenen Happen. War der Mensch abgelenkt, war die „Erfolgsquote“ schon doppelt so groß. Schloss er aber die Augen oder drehte er sich um, holten sich die Hunde – ohne Umweg – das Dreifache. Verließ der Mensch allerdings das Zimmer, dann waren letztendlich von 48 verbotenen Happen 47 weg. Und damit ist nun wissenschaftlich zweierlei bewiesen, was wir Hundehalter schon immer wussten:

1. Der „absolute Gehorsam“ unseres Hundes ist ganz direkt von unserer eigenen Konzentrationsfähigkeit abhängig.

2. Unsere Hunde haben nicht nur uns im Blick. Sie wissen auch, was wir im Blick haben. Und wer sich von der Klaubacke neben ihm nicht täglich vorführen lassen will, der muss sein Butterbrot eben im Auge behalten.

Hunde haben den Menschen fest im Blick

„Ich seh’ etwas, was du nicht siehst“ heißt ein beliebtes Kinderspiel: Man lässt den Blick schweifen, merkt sich irgendetwas, guckt dann woanders hin und lässt den Mitspieler raten, was man wohl eben gesehen hat. Menschenkinder lernen dieses Spiel mit vier Jahren (und verraten sich durch allzu deutliche Blicke immerzu). Aber mit sechs Jahren können sie’s. Dann haben sie „begriffen“, dass jeder sein eigenes Blickfeld hat. Und sie können sich – ohne den eigenen Platz zu verlassen – in das Blickfeld des anderen „hineindenken“.

Hunde sind Rudeljäger. Und gerade erfolgreiche Rudeljäger müssen unbedingt wissen, was der Kumpan gerade jetzt sieht, was er gerade jetzt im Blick hat. Hunde können sich mangels Wort-Sprache ja nicht vorher verständigen: „He, du, rechts vom dritten Baum links da ist was!“. Ein zum gemeinsamen Jagen (oder Verteidigen) entschlossenes Rudel verständigt sich deshalb – sehr zum Leidwesen des dazugehörigen Menschen – ganz schnell und geräuschlos: Einer hat das „Was“ entdeckt, verharrt, fixiert, die anderen reagieren sofort, nehmen dessen Blickrichtung auf und – ab geht die Jagd mit verteilten Rollen, aber einem gemeinsamen Ziel. 

Aber Hunde können nicht nur mit Blicken sagen: „Da, genau da, ist was!“ Sie können auch – ganz gezielt und erfolgreich – so etwas wie „Ich sehe was, was du nicht siehst“ spielen: Big Boss hat einen ganz wunderbaren Kaustock, aber Jung-Spund darf da nicht dran. Also legt sich Jung-Spund in höflicher Entfernung neben Big Boss und guckt interessiert und angetan in die Ferne, so lange bis Big Boss sich fragt: „Was ist denn da?“, die Blickrichtung aufnimmt, den Stock aus dem Auge verliert. Dann braucht Jung-Spund nur eine schnelle Bewegung – und hat den Stock ... Wer also mit Hund neben sich sein Frühstücksbrötchen selber essen will, der behält das am besten „im Blick“.

Der Hund neben uns weiß immer, „wo wir die Augen haben“. Und „Klauen“ ist in Hundekreisen nichts „Ehrenrühriges“. Im Gegenteil: Was der eine jetzt nicht frisst, das frisst eben der andere. „Ehrenrührig“ ist nur, jemandem das Fressen mit Gewalt wegzunehmen: Das täte noch nicht einmal Big Boss bei Jung-Spund ... Die Frage ist also nicht: Reagieren Hunde auf unsere Augen oder aber auf unsere Körperhaltung? Diese Frage beantwortete die Leipziger Untersuchung klar: auf beides. Die Frage ist: Haben sie  eine Vorstellung davon, ob und was ihr Gegenüber sehen kann, ein Konzept vom Sehen oder Nicht-Sehen? Und diese Frage muss man auch mit „Ja“ beantworten:

In jedem Hund stecken Führungsqualitäten

Unser 55-kg-Hovawart-Rüde Duki war ein gnadenloser Igelkiller, und ich konnte den armen Stacheltieren nur helfen, wenn ich im Dunkeln das Halsband des Hundes ergriff, die Augen schloss und ihm sagte: „Bring mich heim.“ Dann ließ er Igel Igel sein und „führte“ sein „blindes Frauchen“ wie ein gelernter Blindenhund über Stock und Stein sicher nach Hause. Ich durfte dabei allerdings nicht mogeln. Bekam er – wie auch immer – das Gefühl: „Die guckt ja selber“, dann warf er nur schnell einen absichernden Blick auf mein Gesicht und – weg war er ...

Was ist ein „Blindenhund“? Er ist ein Hund, der an meiner Stelle guckt. Er ist ein Hund, der „weiß“, dass ich nicht sehen kann, der aber diese eine Behinderung nicht als Schwäche auslegt. Blindenhund werden kann jeder Hund – vorausgesetzt, er ist so groß, dass der Blinde neben ihm sich von ihm führen lassen kann. Ob aus ihm aber ein „guter“ Blindenhund wird, das ist dann von seiner Beziehung zum Blinden und seiner Fähigkeit, dessen Sprache zu verstehen, abhängig. Auch im unbeobachteten Moment abstauben, wie die Leipziger Hunde, das kann jeder. Ob er es tut, das hängt aber von seiner Umgebung, seiner Stimmung, seiner Beziehung zum Gegenüber ab. Als „Intelligenztest für Hunde“ eignet sich der Versuch der Leipziger Forscher allerdings nicht: Er ist – wie mein Igelkiller-Abwehrversuch auch – eher ein Beziehungstest. (Text: Gudrun Beckmann)

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