Miss Marple muss auf die Couch

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Rösrath -  Am 3. März 2005 verließ die damals sechsjährige Pudeldame Miss Marple das bei Köln gelegene Dellbrücker Tierheim und zog einige Kilometer weiter in die kleine Stadt Rösrath. Miss Marple das sind geballte 4,5 Kilo Traumhund, aufmerksam, klug, gelehrig und brav.
Eine kleine Hypothek hat sie allerdings schon aus dem Tierheim mitgebracht, die gar nicht so selten vorkommt: Miss Marple mag keine anderen Hunde. Ohne Ausnahme! Ihre Artgenossen werden grundsätzlich entweder angegiftet oder bestenfalls ignoriert.
Mit anderen Hunden spielen? Das kommt für die achtjährige Pudeldame überhaupt nicht in Frage! Und was, wenn irgendwann ein Artgenosse, auf den sich das kleine Fellbündel mit frechem Gebell stürzt, für solch ungebührliches Verhalten kein Verständnis zeigt? Ein Fall für die Tierpsychologin Gabriele Böhm. Miss Marple muss auf die Couch.

Dort hat die charmante Hundedame die Hundepsychologin innerhalb von wenigen Minuten um die Pfoten gewickelt. Anders ist es doch nicht zu erklären, dass etwa die Hundebesitzerin selber das Problem ist? Die ist schließlich eine erfahrene Hundehalterin und kein blutiger Anfänger.
Immerhin steht sie damit nicht alleine da, berichtet Gabriele Böhm aus ihrer Praxis. „Das größte Problem ist eigentlich immer der Mensch. Das ist kein böser Wille sondern Unwissenheit.“ Das alte und unzutreffende Vorurteil, dass Hunde nur ganz schlecht sehen könnten, habe wesentlich dazu beigetragen, dass die Menschen verlernt hätten die Hundesprache zu verstehen. Denn: „Hunde kommunizieren mit Körpersprache.“ Was sich beim „Pferdeflüstern“ bewährt hat, soll auch bei Hunden der goldenen Schlüssel zum Erfolg sein.
Mit Worten lässt sich leicht lügen, mit dem Körper ist das ungleich schwieriger. Dennoch braucht ein Hund, um sich wohl und sicher zu fühlen, einen Rudelführer, dem er vertrauen kann. Nur so sei eine artgerechte, stressfreie Haltung gesichert. „Als Mitglied der Gesellschaft für Haustierforschung weiß ich, dass Stress erhebliche Auswirkungen, nicht nur auf das Wohlbefinden, sondern auch auf die Gesundheit des Hundes hat.“

Im Fall von Miss Marple muss die Besitzerin erkennen, dass sie selbst andere Hunde mit Besorgnis wahrnimmt. Die Pudeldame ist ihr erster kleiner Hund. Die Vorgänger waren ein Schäfermix, ein Riesenschnauzermischling, ein Bouvier und ein Labrador. Damals wurde mitleidig lächelnd zur Kenntnis genommen, wenn ängstliche Kleinhundebesitzer ihre Lieblinge auf den Arm nahmen. „Der will doch nur spielen.“ Jetzt sieht die Hundewelt auf einmal ganz anders und vor allem gefährlicher aus.
Doch das ist nicht das einzige Problem, findet die Hundepsychologin schnell heraus. Das sieht sie in den ersten Minuten, als sich Miss Marple ungefragt mit auf die Bank setzt. Bei einem 40 Kilo Bouvier hätte das keiner amüsant gefunden. Und Miss Marple ist damit erst Recht kein Gefallen getan. Wie hilflos muss sich das kleine Fellknäuel in dieser Welt ohne starke Rudelleitung vorkommen? Dass sie diese Hierarchie immer wieder mal durch kleine Vorstöße in Frage stellt, ist ihr naturgegebenes Überlebensprogramm.
Mit einigen Änderungen, kann Miss Marples „Rudelleitung“ nun ganz viel bewirken. Dazu gehört eine herrliche Übung, die beiden Seiten einfach nur Spaß macht: Das „dominante Streicheln“. Dabei wird das Pudelchen etwas kräftiger als sonst gestreichelt und herzhaft im Nacken gekrault. „Das ist für den Hund genauso angenehm, wie für uns, wenn wir beim Masseur sind“, sagt Gabriele Böhm. Gleichzeitig vermitteln die „dominanten“ Hände Stärke und Sicherheit.

Nach dieser Vorbereitung ist Miss Marple bereit für die nächste Stufe. Gabriele Böhm lebt zusammen mit ihren zwei Katzen und drei Hunden und die gehören, falls erforderlich, durchaus zum Therapeutenteam. Im Garten soll die acht Monate alte Nelly Miss Marple zum Spielen animieren. Das erstaunliche Ergebnis: Miss Marple spielt nicht mit. Sie zeigt Skepsis aber keine Angst und vor allem giftet sie Nelly nicht an.
Zwei Tage nach dem Besuch bei der Hundepsychologin wird die „Rudelführerin“ von Bekannten auf das positiv veränderte Verhalten ihrer zauberhaften Schnüfflerin angesprochen. Fünf Tage später geht Miss Marple zum ersten Mal ohne fürchterliches Gebrüll an dem verhassten (?) Nachbarhund vorbei. Und nach 10 Tagen gibt es einen Rückfall, als eine Frau einen großen Hund scheinbar kaum halten kann, ohne umgerissen zu werden. Hier räumt die Pudelbesitzerin große Besorgnis, mindestens 30 Sekunden bevor Miss Marple Alarm schlug, ein.

Fazit: Ein Besuch bei einem guten Hundepsychologen ist wahres Gold wert. Eine gewisse Sicherheit gibt das Zeichen VDTT = „Mitglied im Verband der Tierpsychologen und Tierhomöopathen e.V.“. Ganz wichtig: Bei geplantem Neuzuwachs lassen sich durch fachkundige Beratung viel Leid für Hund und Mensch ersparen. Wenn ein unsicherer Mensch einen extrem dominanten Hund zu sich nehme, seien die Probleme kaum zu bewältigen, berichtet die „Hundeflüsterin“. Fast noch schlimmer sei es, wenn völlig verängstigte Hunde (zum Beispiel aus dem Süden oder aus Laboren) durch eine ebenso ängstliche Rudelleitung in ihrer Panik bestärkt werden. In beiden Fällen könnten aggressive Reaktionen die Folge sein.

Das Angebot Nachfolgerin der VOX-Hunde-Nanny zu werden, habe sie ausgeschlagen, berichtet Gabriele Böhm. Zum einen müsse sie sich schließlich um ihre „Patienten“ und ihre eigenen fünf Tiere kümmern. „Und meine Arbeit kann man schließlich nicht wie am Fließband machen.“ Die diplomierte Hundepsychologin (ATN) hat zahlreiche Studien an der „Eberhard Trumler Station“ durchgeführt, wo das Sozialverhalten und die Körpersprache von Wölfen und Dingos studiert werden kann. Exkursionen dorthin und weitere Infos unter www.problem-mit-hund.de.